Chuseok - Halbmondkuchen zum Erntedankfest

Es wird Herbst. Leider. Von allen Jahreszeiten mag ich den Sommer am liebsten. Es ist so schön warm und so schön hell. Man muss nicht so viel anziehen und die Tage sind so viel länger. (Und das sage ich als Nachtmensch.) Aber was soll’s. Der Sommer scheint vorbei zu sein und ich muss mich jetzt auf den Herbst einstellen. (Foto: MissSeoulFood)

 


Leider gibt es in Deutschland ja kein Herbstfest, welches mir die kühle Jahreszeit versüßt. Jedenfalls keines, bei welchem es jede Menge spezieller Festspeisen, Spiele, viel Alkohol, Geldgeschenke, gemeinsames Singen und Ahnenverehrung gibt und zu welchem man sich auch gern mal komplett neu einkleidet. Falls doch, habe ich irgendwas verpasst.

Herbstfest in Korea


Man könnte St. Martin zu einem Herbstfest erklären. Leider bekommt man da keine Geldgeschenke. Immerhin wird gesungen (St. Martingsumzug) und es gibt eine leckere Martinsgans, die man bestimmt mit einigen Gläsern guten Weins runterspülen kann. Die werde ich natürlich auch essen. Ich bin schon zum gemeinsamen Kochen und Essen mit meinen Freunden verabredet. Zum Glück fällt der 11.11. dieses Jahr auf einen Samstag, was die Sache einfacher macht.
Auch Erntedank könnte man als Herbstfest bezeichnen. Nur leider wird dieses in Deutschland so gut wie gar nicht gefeiert. Ich weiß noch nicht einmal, zu welchem Datum Erntedank gefeiert wird. Ich kenne auch niemanden, der Erntedank feiert. Ist irgendwie in Vergessenheit geraten.
Aber zum Glück gibt es ein koreanisches Erntedankfest. Und zwar, ich habe es bereits beschrieben, mit vielen leckeren Speisen, Spielen, Alkohol, Ahnenverehrung, Geldgeschenken und neuen Kleidern. Es heißt Chuseok und fällt in diesem Jahr auf den 4. Oktober, gefeiert wird vom 3. bis zum 5. Oktober. Alle Feiern, bei denen viel Alkohol im Spiel ist, dauern mehrere Tage. Siehe Karneval. Chuseok wird, wie alle koreanischen traditionellen Feiertage, nach dem Mondkalender gefeiert und dieser entspricht nicht dem gregorianischen Kalender, nach welchem sich die Welt normalerweise richtet. Deshalb wird jedes Jahr zu einem anderen Datum gefeiert. Irgendwann im September oder Oktober.

Das große Kochen und die schönsten Kuchen

 

Aber mehr zu den Feierlichkeiten selbst. Einmal habe ich Chuseok tatsächlich in Korea mit meiner dort lebenden Verwandtschaft gefeiert. Wir sind alle zu Oma und Opa aufs Land gefahren und haben die Feiertage dort verbracht. Da so ziemlich alle Menschen in Seoul die gleiche Idee hatten, waren alle Ausfahrtsstraßen aus Seoul hoffnungslos verstopft. Wir brauchten Stunden, bis wir bei Oma und Opa angekommen waren.
Der Beginn der Feierlichkeiten bestand aus dem großen Kochen. Oma und Opa haben nämlich insgesamt neun Kinder. Alle verheiratet und ebenfalls Eltern von zwei Kindern. Alle männlichen Kinder, also die Söhne, fahren zu ihren Eltern. Alle verheirateten Töchter „müssen“ mit ihrer Familie zu den Schwiegereltern fahren. Bei sechs Söhnen und sechs Schwiegertöchtern und je zwei Kinder macht das 24 Personen. Da mein Vater in Deutschland lebt und mit Frau und Sohn nicht anreisen konnte (lohnt sich einfach nicht bei drei Tagen Aufenthalt, der Flug dauert schließlich zwölf Stunden), reduzierte sich die Zahl auf 21 Personen. Plus Oma und Opa, macht 23 Personen. Also musste erstmal jede Menge gekocht werden. Zum Glück helfen alle mit. Aller, außer den Männern. Wir sind eine streng konfuzianisch geprägte Familie, in der die Männer nicht kochen können. Alle konfuzianischen koreanischen Männer sind also in gewisser Weise behindert und auf fremde Hilfe angewiesen…
Im Mittelpunkt des Festmahls stehen besondere Erntedank-Reiskuchen. Songpyeon. Was nichts andere heißt, als gedämpfter Reiskuchen mit Pinie. Diese Kuchen bestehen aus Klebreismehl und werden mit verschiedenen süßen Füllungen, wie Sesam, Kürbis, süßer Bohnenpaste oder Honig gefüllt, zu einem Halbmond geformt und auf einem Bett aus Piniennadeln gedämpft.
Der Halbmond ist ein Korea ein gutes Omen und somit steht er für eine gute Ernte (!) und Wachstum. Dabei ist es außerdem sehr wichtig, dem Halbmond eine perfekte Form zu verleihen und ja nicht herumzueiern. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn wer die schönsten Reiskuchen formen kann, bekommt den besten Ehemann. Wer schon einen Ehemann hat (auch, wenn er nicht der beste ist), bekommt das schönste Kind. Sie sehen schon, ästhetisches Kochen ist in Korea ziemlich wichtig.

Ahnen verehren


Davon abgesehen werden natürlich auch die Ahnen in einem speziellen konfuzianischen Ritual verehrt. Das macht man zum koreanischen Neujahr, aber eben auch zu Chuseok. Dieses konfuzianische Ritual zur Ahnenverehrung lässt meine Oma auch genauestens darauf achten, welcher Religion ihre Nachkommen anhängen. Im Christentum sind solche Ahnenverehrungen ja verboten. Und deshalb sieht es meine Oma gar nicht gern, wenn eines ihrer Kinder oder Kindeskinder dem Christentum angehört. Wer sollte sie dann ehren, wenn sie nicht mehr da ist? Buddhismus ist okay für sie, erstens ist sie selbst eine. Und zweitens sind Buddhisten ja ziemlich tolerant in solchen Dingen.  Schamanismus ist auch in Ordnung für sie. Alles, Hauptsache keine Christen oder ähnlich monotheistische Religionen.
Kommen wir zu den Geldgeschenken. Alle Kinder und Jugendlichen- und solange man nicht verheiratet ist, ist man ein Jugendlicher. Auch mit 43 Jahren - erweisen ihren Eltern und Großeltern die Ehre und bekommen ein mehr oder weniger großes Geldgeschenk. Da kommt schon einiges zusammen… Wenn man zwei Großeltern und fünf großzügige Onkel hat.  Ich sollte noch ein paar Jahre unverheiratet bleiben.  Von dem ganzen Geld könnte ich dann mit 48 in den vorgezogenen Ruhestand gehen!
Leider habe ich jetzt kein Bild von Songpyeon. Jedenfalls kein schönes. Und ich bin weder verheiratet, noch habe ich Kinder. Also habe ich die hässlichen Songpyeon ganz schnell aufgegessen, bevor sie jemand gesehen hat. Sie wollen doch nicht, dass ich irgendwann einen schlechten Ehemann oder hässliche Kinder bekomme?